UKRAINE - (k)eine Reise wert?

von Matthias Kobuß

Da ich nun seit ein paar Stunden wieder in Deutschland weile, möchte ich kurz meine Eindrücke über meinen Besuch in der Ukraine und im Shitomirer Archiv kund tun.

Unsere Einreise war unspektakulär, eben eine ganz normale Grenze, mit Wartezeit und lahmen Beamten.

Auf der Gegenseite betrug die Warteschlange der Einreisewilligen nach Polen mind. 10 km, was uns für unsere Rückreise Bedenkliches erahnen ließ. Die Fahrt nach Moglitov-Podolski, der eigentliche Grund unserer Reise, liegt am Dnestr, direkt an der Grenze zu Moldawien. Sie  zog sich über fünfhundert Kilometer auf zerrütteten, mit Schlaglöchern reichlich bestückten Straßen, langgezogenen, ärmlichen, dadurch ans Mittelalter erinnernde Dörfer, von am Straßenrand liegengebliebenen und von den Fahrzeuginsassen repariert werdenden Autos gesäumt. Die Straßen in den Städten und Dörfern sind noch schlimmer mit Schlaglöchern übersät, Gullydeckel fehlen meist völlig, einzig ein Ast steckt als Warnung im "Loch". Verkehrs-Hinweisschilder sind entweder Mangelware, oder verwirrend, km-Angaben meist nicht vorhanden. Die Lichtblicke in dieser grauen Einöde sind die Orthodoxen Kirchen, die allesamt gepflegt waren.

Der Tag unserer Reise nach Shitomir begann damit, ein befreundetes Ehepaar nach Lviv (wie es auf ukrainisch heißt), zurück zu bringen. Sie hatten genug von der Ukraine, hatten aber Angst, die Strecke ohne ortskundige Begleitung zurück zu fahren. Damit war mein eigentliches Ziel, mindestens 1,5 Tage im Shitomirer Archiv forschen zu können, geplatzt, da diese Fahrt genau in der entgegengesetzten Richtung von Shitomir ging. Da wir gegen zwei am Trennungspunkt ankamen, beschlossen wir verbliebenen vier, an diesem Tag so weit wie möglich an Shitomir heranzufahren, um am nächsten Tag nicht wieder wertvolle Zeit zu verlieren.  Die ca. 390km ließen sich dann auch ganz gut fahren, so daß wir am Abend in Shitomir ankamen. Von unserem Hotel (eigentlich war es eine Jugendherberge) möchte ich nur soviel sagen: frei war eine Suite für 100 Griffen (ca. 18€) und ein normales Zimmer für 20 Griffen pro Person. Die Suite hätte in Deutschland vielleicht geradeso den ersten Stern bekommen, immerhin mit Fernsehraum, Ess- und Schlafzimmer  und Bad. In "meinem" Zimmer ging noch nicht einmal die Toilettenspülung, und nach Wassermangel sah dementsprechend das gesamte Bad aus. Aber wir waren froh, nicht noch ewig nach einer Unterkunft suchen zu müssen, und am Ende ganz ohne dazustehen. Es dämmerte ja bereits. Unausgeschlafen, da das Bett sehr hart und die Zimmertemperatur sehr tief war (die zwei dünnen Decken halfen da nicht viel, und an den Heizkörpern gab es erst gar keinen Thermostat), gingen wir, ohne zu duschen und zu frühstücken, auf Taxisuche. Das ist hier kein Problem. Allerdings das Taxi ansich. Wieso diese Autos überhaupt noch fahren, grenzt an ein Wunder.

Im Archiv angekommen, gingen wir zum Direktor, wie uns das eine freundliche Dame empfahl. Dieser Herr war akkurat gekleidet, allerdings nicht gerade als freundlich zu bezeichnen. Als wir ihm unser Anliegen unterbreiteten, wurde er etwas lauter. Olga, meine ukrainische Begleitung und "Dolmetscherin", übersetzte folgendes: "Im Archiv muß man sich telefonisch beim Direktor anmelden (die Tel.-Nr. ist im russischen Leitfaden von Irene Kopetze korrekt eingetragen, auch die Adresse des Archives stimmt). Nach drei Tagen bekommt man dann Bescheid, ob man kommen darf." Auf unser Drängen, daß ich extra aus Deutschland angereist sei, und diese Vorgehensweise nicht kannte, erzählte er, daß er um Hilfe aus Deutschland für das Archiv gebeten hätte, diese ihm aber verwehrt wurde. Damit war meine Hoffnung, im Archiv forschen zu können, endgültig dahin. Seine Miene wurde seltsamerweise etwas heller, als wir ihm auf seine Frage antworteten, daß wir gerade aus Moglitov kommen. "Wir sollen uns doch etwas gedulden", war seine Bemerkung. Es keimte wieder Hoffnung auf, die dann durch die Leiterin des Archives bestätigt wurde. Nun mußte ich verschiedene Zettel ausfüllen, die alle auf ukrainisch waren, so daß eine Übersetzerin sinnvoll erscheint. Eine der beiden Angestellten im Saal kann englisch, so daß sie eventuell auch helfen kann. Diese Angaben werden dem KGB übermittelt, der vermutlich auch im Archiv sitzt, der gibt dann sein "OK". Später sagte die Mitarbeiterin mir, daß die Kirchenbücher im Archiv nur bis zum Jahre 1899 zurück reichen, die davor befinden sich in St. Petersburg. Damit hatte sich mein Besuch in Shitomir eigentlich schon fast erledigt. Dennoch gab ich ihr meine gesuchten Namen, und sie suchte mir Namensregister heraus. In den nach Jahren geordneten Büchern, sind die Namen alphabetisch aufgeführt, so daß man gezielt danach suchen kann. Allerdings unter den einzelnen Buchstaben gibt es keine Ordnung mehr, man muß den Buchstaben komplett nach den gesuchten Namen durchforschen. Mehr als drei, vier Seiten DIN A5 sind es in der Regel nicht. Im Register stehen die Namen nur in kyrillischer Schrift. Nun schreibt man sich Jahr und eine Nummer aus diesem Register heraus, mit diesen Daten findet man die Einträge zur Person in den Kirchenbüchern blitzschnell, da die Nummer fortlaufend im jeweiligen KB eingetragen ist.

Auf meine Frage, ob ich die KB's fotografieren dürfe, sagte die Mitarbeiterin, nur mit der Genehmigung des Direktors. Vermutlich trifft das auch auf den Einsatz von Scannern zu. Da der Direktor mir den Besuch im Archiv ohne vorherige Anmeldung ermöglichte, erschien mir die Bitte nach Foto's nicht angemessen, somit war Handarbeit angesagt. Allzuviel Angaben zu meinen gesuchten Pennau's gab es nicht, die Namen sind im KB sowohl in kyrillischer als auch in lateinischer Schrift eingetragen, alle anderen Angaben nur kyrillisch. Wer also überhaupt keine Ahnung von kyrillischer Schrift hat, ist mit einer russisch sprechenden Begleitung gut beraten. Mir halfen meine schulischen Kenntnisse, zumindest noch die Ortschaften zu entziffern. Nachdem wir eine Weile in den Kirchenbüchern herumgestöbert, und uns die Daten herausgeschrieben hatten, brachte die nette Dame ein dickes Buch, was ich sofort, als ich es aufschlug, als die alphabetisch geordnete, und in gedruckter Form vorliegende Odessa-DB erkannte. Das Buch war für mich uninteressant, da ich die ODESSA-Datenbank der SGGEE  mit Sitz in Kanada kenne, und ich die darin für uns interessanten Daten schon ausgewertet hatte.

E i n e Steckdose gibt es auch, so daß ein Laptop angeschlossen werden kann,  um gefundene Daten aus den Kirchenbüchern gleich zu speichern (eventuell eine Verteilerdose mitnehmen).

Die Kirchenbücher bekommt man erst ausgehändigt, wenn man vorher beim Sekretariat einen Griffen pro Kirchenbuch bezahlt hat, und die Quittung im Saal vorweist, zudem muß eine Art Besuchsgebühr von zwei Griffen bezahlt werden, mit der man eine Eintrittskarte bekommt, die berechtigt, bis zum Jahresende immer wieder ins Archiv zu kommen. 1€ entspricht etwa 5,60 Griffen (Stand im April 2003).

Eine Weile später gesellte sich die nette Mitarbeiterin erneut unaufgefordert zu uns mit einem sehr dicken Buch. Sie erklärte, daß dies ein Zensusordner sei. Allerdings habe ich nicht herausbekommen, wie weit diese Bücher zurückreichen. Das, was sie mir brachte, war von 1878 bis 1881 (wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht). Alle paar Jahre wurden die Einwohner gezählt und in das Buch eingetragen, auf der einen Seite des Buches stehen Mann und Kinder, auf der zweiten Seite die Angaben zur Frau. Das Jahr der Erhebung, der Name, der Vorname und das Alter (kein Geburtstag) der Personen sind enthalten, so daß man zumindest das Geburtsjahr ermitteln kann. Außerdem gibt es eine Anfangsseite mit Text, dessen letztes Wort der Familienname ist. Auf den zwei Seiten mit den Angaben zu den Personen, stehen ganz unten auch noch zwei, drei Zeilen Text. Was der Text beinhaltet weiß ich nicht. Bekomme ich aber hoffentlich noch raus.

Nachdem die Mitarbeiterin den Raum verlassen hatte, was sie öfter längere Zeit tat, überredete mich Olga zu fotografieren. Also fotografierte ich zwei Seiten aus dem Zensusbuch, natürlich ohne Blitz. Inzwischen von der Kälte im Saal fast erfroren, ich vermute, wärmer als 12°C -14°C waren es dort nicht, beschlossen wir, Schluß zu machen. Die andere Mitarbeiterin erschien, und fragte, ob wir Kopien haben möchten. Das bejahte ich, worauf sie meinte, wir sollen in zwanzig Minuten wieder kommen, die Kopien würden woanders angefertigt. Als wir wieder aufgewärmt ankamen, waren die Kopien immer noch nicht fertig, was, wie sich herausstellte, damit zu tun hatte, daß ich heimlich fotografierte hatte. Olga diskutierte mit der Mitarbeiterin. Da ich nichts verstand, hielt ich mich dezent im Hintergrund, worum es ging, war mir ja klar. Da wir wieder zurück nach Moglitov wollten, weil Nachtfahrten dort lebensgefährlich sind (unbeleuchtete Pferde-Fuhrwerke, Auto's ohne Licht, Schlaglöcher, etc.), entschied ich mich, ohne Kopien aufzubrechen. Somit kann ich auch nicht sagen, wieviel die Kopie kostet. Und auch einige andere Fragen, die mir noch wichtig waren, konnte ich nun nicht mehr stellen. Als wir vor dem Archiv standen, und ich das Schild vom Archiv fotografierte, wurde Olga plötzlich hektisch, ich solle mich doch beeilen. Auf dem Weg zum Taxi sagte sie mir, die eine Dame im Saal hat sich aufgeregt, daß ich als Ausländer fotografieren dürfe, und sie nicht. Dann murmelte sie noch, den Rest erzähle ich Dir lieber nicht. Auf der Fahrt nach Moglitov hatte ich Zeit zum Grübeln, und machte mir nun ernsthafte Sorgen, was dort noch alles geredet wurde, und ob meine Ausreise gefährdet sei, da der KGB im Hause sitzt und alle Daten von mir hat, zumal Olga mich aufforderte, die Bilder vorsichtshalber zu löschen. Jetzt kann sich jeder vorstellen, mit welchen Gefühlen ich zurück an die Grenze fuhr. Die Abfertigung verlief glücklicherweise ohne Probleme. Auch die Wiederherstellung der beiden gelöschten Zensusbuch-Fotos ist mir inzwischen gelungen und erscheinen in Kürze auch hier. ;)

An der Grenze gab es keine kilometerlange Schlange, mag daran gelegen haben, daß der vergangene Tag Feiertag war (1.Mai).

Geöffnet hat das Archiv Montag-Donnerstag von 9:30 Uhr bis 17:00 Uhr, am Freitag von 9:30 Uhr bis 15:00 Uhr, sonn- und feiertags ist geschlossen.

Im übrigen kannte die Mitarbeiterin kein Buch "Besiedelte Orte des Gouvernements Wolhynien". Vielleicht, weil meine Übersetzung nicht präzise genug war, und da Olga keine Dolmetscherin ist, sondern selbst erst wenig deutsch spricht, hatten wir keinen Erfolg, dieses Buch zu Gesicht zu bekommen, wenn es denn dort wirklich liegt, schade Gerhard.

 

Wen es jetzt noch ins Archiv zieht, zieht Euch warm an! ;)

 

Rastatt, 09.05.2003

Update am 25.06.2003 Matthias

PS: Ich habe ein  Münze von 1773 oder 1774 bekommen. Kann mir jemand dazu etwas sagen? Wurde die nur in Moldawien und in der Wallachei verwendet?

 

 

                           moldawische Münze von 1774

 

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